So einfach ist das
23. September 2005Der fälschlicherweise unterstellte Zusammenhang zwischen kapitalistischer Produktivität und Höhe der Arbeitslöhne verdankt sich wahrscheinlich der Beobachtung (und verkehrten Analyse) des Nachkriegsfordismus. Die Löhne sind damals zwar tatsächlich gestiegen, aber der Grund war eine historisch einmalige Situation: durch die Einführung der tayloristischen Arbeitsorganisation ist die Profitrate in den führenden Industrieländern derart in die Höhe geschnellt, dass die Gewerkschaften (auch aufgrund des Kalten Kriegs) einen bescheidenen Anteil daran fordern konnten. Außerdem mussten die Kapitalisten von Haus aus mehr bezahlen, damit sich überhaupt jemand in so eine monotone Drecksarbeit hineinhetzen ließ, die in einzelne abgestoppte Handbewegungen zerlegt war und den Arbeiter während des Arbeitsprozesses total verschlissen hat. Der aufgrund der größeren Produktivität und Intensität der Arbeit erwirtschaftete Extraprofit wurde anfangs in Form von höheren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten zu einem (wenn auch sehr geringen) Teil an die Arbeiter weitergegeben. Mehr noch aber fiel der Preis der produzierten Güter durch Verbesserung der Fertigungstechniken auf ein Niveau, das frühere Luxusgüter auch für den einzelnen Proleten erschwinglich machte.Aber natürlich schwand dieser Extraprofit in dem Maße, wie sich einerseits die tayloristische Arbeitsorganisation allgemein (und vor allem auch: international) durchgesetzt und sich andererseits der Anteil des variablen Kapitals durch die postfordistischen Automatisierungsprozesse drastisch verringert hat. Deswegen geht es jetzt überall wieder rückwärts. Praktisch sämtliche Regierungen zerschlagen zurzeit, nachdem sie in den 80er und 90er Jahren mit den Gewerkschaften abgerechnet haben, ihre wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen, um die Lohnnebenkosten zu senken und den Druck auf das Lohnniveau zu steigern. Obwohl es klar ist, dass von den fünf Millionen Arbeitslosen hierzulande nur ein kleiner Teil wieder in Lohn und Brot kommen kann, müssen sich alle auf irgendwelche Stellen bewerben, bekommen Ein-Euro-Jobs verordnet und werden auch sonst von hinten bis vorne getritzt, damit die Konkurrenz unter den Arbeitern und die Angst vor den Absturz in die Erwerbslosigkeit auch ja keinen auf die Idee kommen lässt, einen der neu geschaffenen Billigjobs auszuschlagen.
Mit den Segnungen des Nachkriegsfordismus und dem angeblichen Zusammenhang zwischen Produktivität der Arbeit und allgemeinem “Volkswohlstand” ist es also auf absehbare Zeit vorbei. Ein allgemeines Gesetz der kapitalistischen Produktion: die Verelendung der Arbeitskraftbehälter, macht sich heute — und zwar eher absolut als relativ — wieder geltend.
